Welcome to Africa!
(Note: scroll down for German text.)
I feel pleasantly surprised by the busy streets of Frankfurt. And this, because when I walked the same streets yesterday night, fresh from my ICE train, Frankfurt was a ghost town. This is an international city. I could see that yesterday night as well. As soon as the receptionist of my hotel -a very interesting man, I'll get back to him one of these days- found out my English was fluent, he decided to address me exclusively in English, sort of funny English from the sixties - although my German is as fluent as my English. My name is William Holden, I am a script writer, not a famous one, but somehow famous enough to be in Frankfurt with the commission to write a theater play that will be presented at the Schirn Kunsthalle May 6 20:00- in case you'd like to be there.
I start my Frankfurt research in "La Perla", a small Italian ice cream salon. I am the only customer and I can listen at ease to the conversation of the waitresses - they think it should be better to be in Italy or Turkey, Germany is far too expensive. A second customer comes in, a regular it seems, because he is greeted with the words: "Where have you been?" "In Dubai" he answers without further ado. "Dubai, that is not a place, that is a dream,” retorts the waitress.
"Where are we coming from? Where are we going? To Darwin in the Schirn" so they are solved any existential doubts I might have in this city. If I had any political unrest, it is instantly put into place by the "Free Mumia" I can read above the closed door of the Portikus.
Hard to exchange any opinion with real Frankfurters. The only people I managed to have a conversation with - a conversation: longer than three words- were not from Frankfurt: Utrecht, Thuringia. The Thuringia people have a funny opinion of Frankfurters, I transcribe it here without any comment, just the words as they truly happened: "They run around like crazy and they look like zombies".
When I walk back to my hotel, hoping to find in the coming days a more gracious impression of the city and its citizens, I come across a surprising message: "Beggars are back!"
Welcome to Africa. William Holden.
Willkommen in Afrika!
Die Geschäftigkeit in der Innenstadt ist unerwartet. Denn als ich gestern Abend mein Hotel bezog - es war noch nicht einmal 22h - waren die Straßen menschenleer und die wilde Mischung modernistischer Architekturen wirkte wie das 1:1 Modell einer Stadt im Büro eines Architekten, der die verschiedensten Modelle und Versuche zusammen in einer Ecke aufbewahrt. Ganz anders jetzt: Die Fußgängerzone ist voll. Der Juwelier aus dem Nachbarhaus steht auf der Straße und nutzt die kurze Zeit, in der die Sonne scheint, um einer Kundin seine Kolliers bei Tageslicht zu präsentieren. Man gibt sich international hier in Frankfurt, und das in allen Berufsgruppen: Seit der Portier meines Hotels in der Neuen Kräme weiß, dass mein Englisch fließend ist, verzichtet er darauf mit mir in seiner Muttersprache zu reden. Ebenso hier auf der Straße. Ich komme gerade zur der Tür hinaus, da scheucht mich ein Fahrradfahrer mit den Worten „Exkuse mi – kann isch ma vorbei“ zur Seite, wobei die lokale Sprachfärbung das Englisch fast unkenntlich macht. Er kann vorbei, denn ich habe es schließlich nicht eilig. Ich – Holden mein Name, William Holden – und hiermit auch gleich eine Entschuldigung an meine Leser, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe – bin Schriftsteller, kein wichtiger, nur ein Autor mit ein paar zweitklassigen Drehbüchern, der hier den Auftrag bekommen hat ein Theaterstück zu schreiben.
Um erst einmal wirklich anzukommen verlängere ich mein Frühstück mit einem zweiten Kaffee im „La Perla“. Das La Perla ist eine kleine italienische Eisdiele mit grünem Blumendecor an der Theke und passabel gepolsterten Bänken an der Wandseite. An der Hinterwand läuft ein Fernseher ohne Ton. Es ist ca. 10 Uhr und ich bin der einzige Gast. Die beiden Bedienungen unterhalten sich darüber, wie sie am besten wegkommen hier aus Frankfurt; ob es besser sei in Italien oder in der Türkei zu leben. Deutschland jedenfalls sei zu teuer, denn: „Wenn man hier Einen hat, machen sie gleich Zwei daraus“. In diesem Moment betritt ein zweiter Gast den Salon und wird – offensichtlich ein Stammgast – mit den Worten begrüßt: „Wo warst Du denn?“ – „In Dubai“ lautet die lapidare Antwort, die die Kellnerin sofort ins Schwärmen bringt: „Dubai, das ist kein Land. Dubai, das ist ein Traum!“
Die Menschen in dieser Stadt scheinen alle auf der Durchreise zu sein oder es sich doch zumindest einzureden. Immerzu damit beschäftigt sich auszumalen, wie sie von hier wegkommen oder zu erklären, warum sie doch wieder gekommen sind. Es scheint so als bliebe man hier nie stehen. Zugegeben, es ist noch zu früh für endgültige Urteile. Aber noch nicht einmal die menschliche Statue auf dem Römerberg, an der ich gerade vorbeikomme, hat sich die Mühe gemacht über das Gesicht hinaus auch den Hals mit der metallfarbenen Schminke zu bedecken. Und es scheint sich auch keiner an den weißen Tennissocken zu stören, die das historische Kostüm ergänzen; als wolle er damit sagen: „Ich mache das hier nur vorrübergehend, eigentlich bin ich Diesunddas...“
Die „Primus“ hingegen, eines der weißen Ausflugsschiffe unten am Fluss wird gerade sehr gewissenhaft von Rostflecken befreit und frisch gestrichen. Und nur wenig dahinter kommentiert ein Transparent die Szenerie mit den Fragen: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Zu Darwin in die Schirn.“ Wie wahr…
Mir fällt ein Werbespruch ein, den ich heute irgendwo in einer der Hintergrundbeschallungen gehört habe: „Wir wissen nicht woher wir kommen. Wir wissen nicht wohin wir gehen. Aber so lange wir hier sind machen wir es uns richtig gemütlich.“ Nichts lieber als das, doch holt mich die politische Realität schon einige hundert Meter später wieder ein: „Free Mumia“ steht groß über den verschlossenen Türen des Portikus, einer kleinen Ausstellungshalle am Südufer des Flusses.
Ich beschließe mich für meine Streifzüge durch die Stadt zunächst mit den üblichen touristischen Informationen zu versorgen und erinnere mich am Hauptbahnhof ein Touristen-Informations-Büro gesehen zu haben. Auf meinem Weg zur Bahnstation komme ich zum ersten Mal mit Menschen ins Gespräch. Keine einheimischen, sondern Holländer aus Utrecht, die für ein Konzert hierher gekommen sind. Gemeinsam versuchen wir die Fußgängerhängebrücke durch Hochspringen zum Schwingen zu bringen. Und es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich die Stadt mag. Ein Stückchen weiter luken zwei Bauarbeiter über einen Bauzaun und beobachten die Passanten in ihrer Pause. Direkt hinter ihnen liegen die Eingänge zu einem der Türme mit den polierten Oberflächen. Merkwürdigerweise sind sie alle mit großen Rollgittern versperrt. Die Arbeiter erklären mir, dass das ganze Haus leer steht und vollständig entkernt wird. Ob sie aus Frankfurt kommen, will ich wissen. Aber sie sind aus Thüringen. Ich beginne mich zu fragen ob es Zufall ist, dass die einzigen Menschen mit denen ich ins Gespräch komme nicht von hier sind. Was sie denn von Frankfurt halten, will ich wissen. Und sofort entgegnet mir der Ältere: „Also wenns'es genau wissen wollen. Die rennen rum wie die Verrückten und sehen aus wie Zombies.“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich zu solch klaren Worten hätte hinreißen lassen, widerspreche aber nicht.
Der große leere Turm passt nicht so richtig zu meinem ersten Eindruck der polierten Oberflächen. Also mache ich mich auf die Suche nach weiteren Unstimmigkeiten in diesem selbstsicheren Erscheinungsbild der Stadt. Das Ergebnis ist so gravierend wie überraschend. In weniger als einer Stunde finde ich drei weitere riesige, verlassende Bürokomplexe – darunter sogar einer jener riesigen, scheußlichen Türme die verrückte Investoren in den 80er Jahren bauen ließen. Löcher in der Fassade, die wie braun eloxiertes Aluminium aussieht, lassen noch den Schriftzug der Commerzbank erahnen. Den Hof, den ein verwittertes Schild als ehemaligen Kundenparkplatz ausweist, hat das Unkraut erobert. In einem anderen Prachtbau sitzt noch eine Pförtnerin. Was sie denn bewache, frage ich. Nichts, das Haus sei leer. Ob ich denn das leere Foyer fotografieren könne. Das wiederum geht nicht, da es sich um Privatbesitz handele. Ich beginne die nächtliche Verlassenheit der Stadt zu verstehen und frage mich wo denn die vielen Menschen gerade sind, die hier einmal gearbeitet haben. Ein vernachlässigtes Haus sieht immer traurig aus, denke ich, als eine Schlagzeile der Bildzeitung meine Aufmerksamkeit erlangt: „Bettler wieder zurück! Jetzt belagern sie uns wieder überall.“ Und auf meinem Weg zurück zum Hotel fällt mein Blick auf ein kleines Schild, dass in einem Schaufenster eines vernachlässigten Reisebüros hängt: „Willkommen in Afrika!“
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